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Wie lassen sich Lernorte in einer Welt gestalten, in der Wissen jederzeit verfügbar ist?

Wie lassen sich Lernorte in einer Welt gestalten, in der Wissen jederzeit verfügbar ist?

Über lange Zeit waren Bildungseinrichtungen die wichtigsten Orte des Zugangs zu Wissen. Das Internet, Smartphones und später die künstliche Intelligenz haben diese Realität grundlegend verändert, indem sie Informationen überall und jederzeit verfügbar gemacht haben. Welchen Wert hat ein Lernort also noch, wenn Wissen in die Hosentasche passt oder innerhalb weniger Sekunden abrufbar ist?

Wissen: von der Knappheit zur Fülle

Jahrhundertelang waren Bildungseinrichtungen die wichtigsten Orte des Zugangs zu Wissen. Wissen wurde hauptsächlich von Lehrenden an Lernende vermittelt, deren Aufgabe vor allem darin bestand, Kenntnisse aufzunehmen und zu verinnerlichen. Dies spiegelte sich insbesondere in Frontalunterricht, Klassenzimmern mit starren Sitzreihen und einer auf einem Podest erhöhten Lehrperson wider. Das Aufkommen des Internets markierte die erste Welle einer Lernrevolution. Es eröffnete einen beispiellosen Zugang zu einer enormen Menge an Wissen über spezialisierte Websites, berufliche Netzwerke, MOOCs und zahlreiche digitale Plattformen. Nutzerinnen und Nutzer können auf Wissen aus der ganzen Welt zugreifen, direkt von ihrem Schreibtisch aus.

Auf ein Wissen, das überall verfügbar ist, folgte mit der Verbreitung von Smartphones ein Wissen, das jederzeit verfügbar ist: die zweite Welle. Informationen müssen nicht mehr am Schreibtisch abgerufen werden, sondern stehen nun permanent zur Verfügung. Das Smartphone bietet nicht nur Zugang zu einer riesigen Wissensdatenbank, sondern hat auch den Aufstieg sozialer Netzwerke ermöglicht. Austausch, Diskussionen und Wissensvermittlung sind damit nicht mehr auf das Klassenzimmer beschränkt, sondern setzen sich kontinuierlich in vernetzten digitalen Räumen fort.

Eine dritte bedeutende Transformation zeigt sich heute im Aufstieg der künstlichen Intelligenz. Sie hat die Zeitspanne zwischen einer Frage und einer Antwort weiter verkürzt. Wenn das Internet und Smartphones Wissen überall und jederzeit verfügbar gemacht haben, macht die KI es dialogorientiert und unmittelbar nutzbar. Sie ermöglicht den sofortigen Zugang zu Zusammenfassungen, Erklärungen oder an das jeweilige Niveau angepassten Ressourcen und verändert damit die Art und Weise des Wissenserwerbs grundlegend.

Neue Herausforderungen für Bildungsorte

In einem Kontext, in dem Wissen im Überfluss vorhanden und überall sowie jederzeit zugänglich ist, liegt der Wert eines Lernortes nicht mehr allein im Zugang zu Inhalten. In einer Zeit, die von Benachrichtigungen, Informationsströmen und attraktiven digitalen Inhalten geprägt ist, besteht eine der zentralen Herausforderungen von Lernorten darin, Bedingungen zu schaffen, die Konzentration, Reflexion und Engagement fördern. Hinzu kommt die Notwendigkeit, relevante Informationen zu identifizieren, da viele Nutzerinnen und Nutzer unter einer Form von kognitiver Ermüdung infolge der Informationsflut leiden. Von Pädagogik und Räumen wird daher erwartet, dass sie dabei helfen, Informationen auszuwählen, zu verstehen, zu hinterfragen, zu überprüfen, zu vergleichen und sinnvoll zu nutzen.

Eine weitere Herausforderung liegt in der Fähigkeit von Bildungseinrichtungen, unterschiedliche Zielgruppen aufzunehmen. Die Vorstellung, einige Jahre zu lernen und anschließend ins Berufsleben einzutreten, passt immer weniger zu den aktuellen Veränderungen. Kompetenzen entwickeln sich schneller weiter, und jeder Mensch ist zunehmend dazu angehalten, sich im Laufe seines Lebens fortzubilden – sei es im Rahmen einer beruflichen Neuorientierung oder aufgrund persönlicher Interessen. Daher entwickeln sich Campus, Schulen und Universitäten zunehmend zu offenen Infrastrukturen, die vielfältige Nutzungen, Zeitrhythmen und Nutzerprofile aufnehmen können.

Conférence à Santenov

Die Pädagogik erfindet sich neu

In diesem Kontext haben sich die Lehrmethoden bereits weiterentwickelt. Die Herausforderungen rund um das Lernen haben dazu geführt, dass es zunehmend als kollektiver Prozess verstanden wird und nicht mehr nur als die Vermittlung von Inhalten. Lernende experimentieren, testen, kooperieren, tauschen Perspektiven aus und erzeugen selbst Wissen. Dies zeigt sich in projektbasierten Organisationsformen, kollaborativen Workshops, Experimentierformaten, Flipped-Classroom-Konzepten sowie weiteren Formen aktiver und interdisziplinärer Pädagogik.

Man könnte annehmen, dass die allgegenwärtige Nutzung digitaler Werkzeuge die Bedeutung physischer Orte verringert. Tatsächlich ist jedoch das Gegenteil zu beobachten. Je stärker Wissen digitalisiert und entmaterialisiert wird, desto strategischer wird der physische Raum. Spontane Begegnungen, Diskussionen, kollektive Dynamik, praktisches Experimentieren, Mentoring und interdisziplinäre Austausche sind Formen des Lernens, die digitale Technologien nicht ersetzen können. Vielmehr knüpfen sie an die durch digitale Werkzeuge bereitgestellten Wissensressourcen an und hinterfragen sowie erweitern diese.

Physische Lernorte werden daher zunehmend als Orte der Begegnung, des Erlebens und der gemeinsamen Wissensproduktion verstanden. Auch wenn Wissen heute überall abrufbar ist, bleibt Lernen ein zutiefst räumlicher, kollektiver und erfahrungsbezogener Prozess.

Wie kann Architektur diese Veränderungen begleiten?

Hybridität

Um auf diese tiefgreifenden Veränderungen zu reagieren, werden Bildungsräume zunehmend hybrider. Innerhalb desselben Raums müssen Nutzerinnen und Nutzer lernen, experimentieren, herstellen, präsentieren, sich begegnen, reflektieren oder zusammenarbeiten können. Das Projekt zur Gestaltung der Aivancity-Schule in Villejuif wurde so konzipiert, dass es sich an unterschiedliche Lehrmethoden anpassen kann. Das modulare Mobiliar lässt sich je nach Bedarf und Projekt verschieben, sodass der Raum auf verschiedene Weise genutzt werden kann. Die unterschiedlichen Höhen und Ausrichtungen der Tische ermöglichen es insbesondere, auf natürliche Weise kleine Arbeitsgruppen zu bilden. Die Schule verfügt über eine kreisförmige Arena, die durch ein zentrales und mobiles Rednerpult geprägt ist und dynamische sowie flexible Präsentationen fördert. Ergänzt wird sie durch Besprechungsräume und interaktive Bereiche, die einen idealen Rahmen für kollaborative Projekte, Hackathons und Brainstorming-Sessions bieten. Gleichzeitig stehen akustisch abgeschirmte Kabinen und Nischen zur Verfügung, die Studierenden einen geschützten Ort für konzentriertes Arbeiten und Lernen bieten.

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Flexibilität

Die neuen, flexiblen und sich stetig weiterentwickelnden Lehrmethoden führen dazu, dass auch Lernräume anpassungsfähiger werden müssen. Um diese und zukünftige Veränderungen begleiten zu können, müssen Gebäude in der Lage sein, ihre Nutzung schnell zu verändern. Dies zeigt sich am Campus Auvergne-Rhône-Alpes der BUILDERS Ingenieurhochschule in Vaulx-en-Velin. Das Projekt basiert auf einem Stützen-Träger-System, das eine einfache Umgestaltung des Gebäudes im Laufe der Zeit ermöglicht. Dasselbe gilt für die Innenräume, die sich je nach künftigen Anforderungen flexibel anpassen lassen. Darüber hinaus wurde die Möglichkeit späterer Erweiterungen durch vorgefertigte und demontierbare Fassadenpaneele von Anfang an integriert.

Das Gebäude vereint vier Bereiche: Lehre, Verwaltung, Forschung und studentisches Leben. Das zentrale Atrium sowie die durch das Gebäude verlaufende „Straße“ verbinden diese unterschiedlichen Funktionen miteinander. Selbst bei einer Weiterentwicklung der Nutzungen wird dieses Herzstück seine Rolle als Begegnungsort und Knotenpunkt für den Austausch zwischen den verschiedenen Bereichen bewahren.

Wie lassen sich Lernorte in einer Welt gestalten, in der Wissen jederzeit verfügbar ist?

Das Kollektiv

Da Wissen zunehmend durch Austausch und die Gegenüberstellung unterschiedlicher Perspektiven entsteht, müssen Lernräume die Interaktion zwischen Lernenden, Lehrenden, Forschenden und Fachleuten fördern. Ziel ist es, Umgebungen zu schaffen, die sowohl formelle Zusammenarbeit als auch Serendipität begünstigen, die häufig Quellen von Innovation und Lernen sind. Dieser Ansatz wird im Projekt der CentraleSupélec veranschaulicht, das von Atelier Kempe Thill (federführender Architekt), Patriarche und Autumn (Generalunternehmer) umgesetzt wurde. Dieses Sanierungsprojekt basiert auf der Umwandlung der Sporthalle in eine große zentrale Halle, die Bereiche zum Entspannen, Arbeiten, Essen und Austauschen bietet. Die Gemeinschaftsflächen breiten sich dabei schrittweise von der Halle, dem am stärksten frequentierten zentralen Bereich, bis in die einzelnen Gebäudeflügel aus. Dieses zentrale Volumen verkörpert einen echten „fähigen Raum“, der vielfältige Nutzungen aufnehmen, Begegnungen fördern und einen Ort für neuartige Austauschformen schaffen kann.

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Autonomes Lernen

Lernwege werden zunehmend individueller, da jede Person entsprechend ihrer Bedürfnisse, ihres Tempos oder ihrer Ziele voranschreitet. Räume müssen daher eine Vielfalt an Atmosphären und Konfigurationen bieten, die sowohl konzentriertes Arbeiten als auch Exploration, Recherche oder selbstgesteuertes Lernen ermöglichen. Das Projekt des Lyoner Standorts der Burgundy School of Business verdeutlicht diesen Ansatz besonders gut. Der Bildungsbereich entfaltet sich dort in einer Vielzahl von Lern- und Lebensräumen. Diese gruppieren sich um eine zentrale Straße, die Mikroarchitekturen für individuelles und gemeinschaftliches Arbeiten aufnimmt. Agora, Auditorium, Akustikkabinen, Räume für kollaboratives oder kreatives Arbeiten, Inkubationsbereiche … Das Projekt umfasst vielfältige Raumtypologien, die einzigartige und innovative Formen des Lernens ermöglichen. Über die ausdrücklich als Arbeitsräume definierten Bereiche hinaus wird das Projekt von informellen Lernorten geprägt. Flure, vertikale Erschließungen, Innenhöfe, Terrassen, Café, Empfangshalle, Lounge und Außenbereiche … Jeder Raum kann potenziell zu einem Lernort werden, den sich die Studierenden entsprechend ihren Bedürfnissen und Vorlieben aneignen.

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Wohlbefinden

Die Qualität der Umgebung beeinflusst unmittelbar die Lernfähigkeit, die Aufmerksamkeit und das Engagement. Mit der zunehmenden Vielfalt pädagogischer Ansätze und immer individuelleren Lernrhythmen erscheint Wohlbefinden nicht mehr als bloße Ergänzung des Bildungsangebots, sondern als ein eigenständiger pädagogischer Hebel. Das Projekt des neuen Campus der NEOMA Business School in Reims, bei dem Patriarche gemeinsam mit Henning Larsen als Ausführungsarchitekt tätig ist, veranschaulicht diesen Ansatz. Der Campus wurde rund um die Gesundheit und das Wohlbefinden der Studierenden konzipiert und räumt natürlichem Licht, Ausblicken auf die Landschaft und Außenräumen einen zentralen Stellenwert ein. Sein Herzstück, organisiert um eine große Holzstruktur mit Öffnung zum Kanal, vereint die wichtigsten studentischen Lebensräume und wird durch weitläufige, frei zugängliche Terrassen erweitert. Der zentrale Garten, die grüne Lunge des Projekts, bietet Räume zur Erholung, zum Lernen im Freien und für Veranstaltungen.

Wie lassen sich Lernorte in einer Welt gestalten, in der Wissen jederzeit verfügbar ist?

Experimentieren

Wenn Informationen überall verfügbar sind, liegt der Wert eines Lernortes zunehmend in dem, was nicht allein vor einem Bildschirm erlebt werden kann: ausprobieren, testen, herstellen, prototypisch entwickeln oder praktisch anwenden. Bildungsräume müssen daher aktive Lernformen ermöglichen, bei denen Wissen ebenso durch Erfahrung wie durch Vermittlung entsteht. Dieser Ansatz zeigt sich auch auf dem Campus der AgroParisTech in Paris-Saclay. Die Forschungsgebäude wurden rund um große, flexible und anpassungsfähige Flächen konzipiert, die es ermöglichen, die Räume kontinuierlich an wissenschaftliche Anforderungen anzupassen. Labore, Besprechungsräume, Aufenthaltsbereiche und informelle Begegnungsorte bilden ein Umfeld, das die unterschiedlichen Phasen der Forschung unterstützt: individuelle Konzentration, gemeinschaftliches Arbeiten, den Austausch von Perspektiven und intellektuelle Anregung. Architektur wird so zu einem Instrument der Experimentation, indem sie Begegnungen, interdisziplinäre Überschneidungen und die gemeinsame Produktion von Wissen fördert.

Wie lassen sich Lernorte in einer Welt gestalten, in der Wissen jederzeit verfügbar ist?
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Offenheit

Bildungseinrichtungen funktionieren heute nicht mehr als abgeschlossene Räume, sondern als mit ihrem Umfeld vernetzte Ökosysteme. Sie sollen den Austausch mit Unternehmen, kulturellen Akteuren, der Forschung und der Zivilgesellschaft fördern, um Lerngelegenheiten zu vervielfachen und Wissen in konkreten Situationen zu verankern. Offenheit wird damit zu einem Mittel, Disziplinen miteinander zu verknüpfen, Ausbildung und Berufswelt näher zusammenzubringen und den Wissensaustausch zu beschleunigen. Das Projekt SULLY Santenov in Dijon wurde genau als ein Ort der Konvergenz von Hochschulbildung, Forschung, Unternehmertum und Gesundheitsindustrie konzipiert. Studierende, Forschende, Start-ups, Unternehmen und regionale Akteure teilen dort ein gemeinsames Arbeitsumfeld. Das Gebäude beherbergt mehrere Hochschulen sowie die gemeinsamen Arbeitsbereiche von Walter Science, die von wissenschaftlich orientierten Unternehmen genutzt werden. Weit mehr als nur ein Gebäude bildet es ein echtes Innovationsökosystem, in dem die Grenzen zwischen Lernen, Unternehmertum, Experimentieren und Zusammenarbeit zunehmend durchlässig werden.

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Credits : ©Nicolas Grosmond, ©Romuald Nicolas, ©FOCUSKPTURE

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